Nein, Antisemitismus ist nicht rein aus religiösen Differenzen entstanden. Dennoch spielten religiöse Spannungen im Ablösungsprozess der frühen Christen vom Judentum eine zentrale Rolle.
Bereits vor dem Christentum gab es judenfeindliche Haltungen, die sich aus religiöser, kultureller und sozialer Fremdheitswahrnehmung speisten. Der heutige Antisemitismus hat eine lange Tradition, dessen geistigen Wurzeln bis in die griechisch-römische Antike zurückreichen. Die Altertumsforschung ist sich über deren Ursachen jedoch uneinig: Einige sehen sie in der Ablehnung des jüdischen Monotheismus durch polytheistische Gesellschaften, andere in wirtschaftlichen und sozialen Spannungen sowie der kulturellen Abgrenzung jüdischer Gemeinschaften.
Die frühen Formen antijüdischer Feindseligkeit legten einen Teil des ideologischen Fundaments, auf dem sich später der christliche Antijudaismus aufbauen konnte. Juden galten nach christlicher Anschauung nicht nur als Feinde des wahren Glaubens, sondern auch als Widersacher Jesu. Die Vorstellung, sie seien von Gott verflucht, prägte das kirchliche Denken über Jahrhunderte. Ihre Heimatlosigkeit und ihr leidvolles Dasein galten als sichtbarer Beweis für die Richtigkeit des christlichen Glaubens. Mit der Christianisierung Europas verbreiteten sich judenfeindliche Vorurteile und Stereotype. Im 19. und 20. Jahrhundert wurden diese Vorurteile durch rassistische und nationalistische Ideologien verstärkt und führten schließlich zu systematischer Verfolgung und Vernichtung.
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